Menschliche Intelligenz und senso-motorische Fähigkeiten

Wie empfinden und messen wir geistige Anlagen, Fähigkeiten und Intelligenz? Wie funktionieren die sensorischen Kanäle und wie ist deren Verbindung untereinander in Relation zu dem, was wir Intelligenz nennen? Ist Intelligenz eine Funktion oder immanente Bedingung des menschlichen Seins? Sind die sensorischen Kanäle einzig für den Transport von Intelligenz verantwortlich oder beeinflussen sie deren Entwicklung? Was ist der Unterschied zwischen einem hochfunktional-autistischen Kind und einem normaltalentierten? Ich stelle Fragen, welche weder Wissenschaftler noch Psychologen sicher beantworten können. Als Lehrerin für Sonderpädagogik weiß ich aus täglicher Erfahrung, dass es bei der Durchführung von Intelligenztests Bereiche geben würde, beispielsweise die visuelle und auditive Erinnerung, in welchen ein Kind aus der erstgenannten Gruppe bessere Ergebnisse erzielen würde, als eines der zweiten. Ein autistisches Kind würde allerdings sehr geringe Ergebnisse in Bereichen haben, die eine senso-motorischer Koordination erfordern. Ähnlichen Diskrepanzen würde man bei einem Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung feststellen. Einem Kind mit ADHS kann es schwer fallen, still zu sitzen und dem Unterrichtsgegenstand zu folgen. Aber es könnte über alles berichten, was im Klassenraum passiert, darunter auch Dinge, welche andere niemals bemerken würden. Diese würden sie auf ihre ganz eigene assoziative Weise erzählen.

Die Aneignung von Schulwissen durch Lesen, Schreiben und Zuhören mit dem Zwang dabei still sitzen zu müssen, führt zu einer Benachteiligung der Kinder mit ADHS. Eine ähnliche Benachteiligung erfahren auch Kinder mit Dyslexie. Um dem entgegenzuwirken, wird in Italien  bei der sonderpädagogischen Arbeit die Bedeutung der Kompensation betont. Dies gilt für alle Kinder, die spezifische Lernstörungen aufweisen. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Kinder mit Teil-Leistungsstörungen über eine normale bis teilweise überdurchschnittliche Intelligenz verfügen. Auch das kognitive Profil autistischer Kinder ähnelt in manchen Fällen dem von Kindern mit spezifischen Lernstörungen. So notwendig die Kompensation als sonderpädagogischer Ansatz ist, sollten wir dabei nicht vergessen, dass Körper und Geist mit der Fähigkeit ausgestattet sind, sich in ständiger Wandlung und Entwicklung zu befinden. Wir können die Diskrepanz kognitiver Profile nicht völlig beseitigen, aber verringern. Dies kann gelingen, indem Geist und Körper durch therapeutische Maßnahmen geschult werden und dabei speziell auf die Entwicklung der Lernfähigkeiten und -prozesse geachtet wird.

Um mein pädagogisches Wissen und Verständnis zu vertiefen und zu erweitern, reiste ich nach Pondicherry zum Sri Aurobindo International Education Centre, das von Sri Aurobindos geistiger Gefährtin, bekannt unter dem Namen „Die Mutter“, gegründet wurde. Dort konnte ich verstehen und lernen wie die Pädagogen des Zentrums, die Praktiken des Yogas einsetzen, um Kindern mit oder ohne Lernschwächen nicht nur bei der Entwicklung ihrer geistigen Fähigkeiten und Kompetenzen zu helfen, sondern auch bei der Entfaltung ihres menschlichen Potenzials.