Unsere wahre Natur

Nach den pädagogischen Ansätzen von Sri Aurobindo und Maria Montessori

„Die Mutter” (Mirra Alfassa, Gefährtin von Sri Aurobindo und Mitbegründerin des Sri Aurobindo International Center of Education) sagt, dass wir mehr als unser Körper sind; es gibt weitere Aspekte und Ebenen, die auf unseren Körper einwirken. Integrale Erziehung bedeutet, jedes Mitglied einer Lerngruppe so zu begleiten, dass es sich seines Körpers, seiner Lebenskräfte, seines Verstandes, seiner Seele und seines Geistes bewusst werden kann, d.h. aller Ebenen um, unter, über und in seinem Körper.

Bei der Integralen Erziehung steht der Plan des Göttlichen in jedem von uns im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Nicht der Lehrer, nicht der Schüler, nicht der Lehrplan, nicht die Noten, nicht das Zeugnis, nicht die Fähigkeiten und Fertigkeiten stehen im Mittelpunkt, sondern die Hingabe. Was ist mit dem Plan des Göttlichen gemeint? Soweit ich es verstanden habe, scheint jeder Mensch einen höheren Sinn im Leben zu suchen. Die Integrale Erziehung hat die Aufgabe, alle Schülerinnen und Schüler bei der Suche und Verwirklichung ihres höheren Sinns als Mensch und als Mitglied der Menschheit zu unterstützen. Sie begleitet sie bei der Entfaltung ihrer eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten und ihres Wissens, um Sinnerfüllung zu ermöglichen.

Im Vergleich zu Mirra Alfassa hatte Maria Montessori zwar einen medizinisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund, verließ sich aber im Umgang mit Kindern auf ihre Intuition und auf ihre Gewissheit, dass jedes Kind nach seiner Sinnerfüllung strebe. Dies nannte sie „die Natur des Kindes”.

Sie sah ihre Aufgabe als Ärztin und Lehrerin darin, dem Kind die Chance zu geben, seine materielle und menschliche Umgebung, seine wahre Natur und seinen eigenen Bauplan zu entdecken und zu verwirklichen.

In diesen Tagen wird in der Schule viel über die Gedanken- und Redefreiheit diskutiert. Ich habe Glück gehabt. Ich hatte mein ganzes Leben lang Lehrer und Lehrerinnen, die authentisch waren, und die auch mich ermutigt haben, authentisch zu denken, zu handeln und zu sprechen. Menschen, die versucht haben, das Beste zu geben, was ich „verdauen“ konnte. Menschen, die mir Wege  gezeigt haben, die Interessen, die in mir lagen, zu wecken.

Bis vor einigen Jahren dachte ich, ich hätte die bestmögliche Ausbildung erhalten. Ich war stolz auf das italienische Schulsystem, bzw. auf das Schul- und Wertesystem der Region, in der ich geboren, aufgewachsen und ausgebildet wurde, der “Fvg” (Friuli-Venezia Giulia oder auch Friaul-Julisch-Venetien, Region im Nordosten Italiens).

Warum suchte und suche ich dennoch nach etwas anderem? Was sind die Beweggründe?

Meine Erfahrungen in Deutschland und die Schulbiographien meiner eigenen Kinder haben in mir Fragen hervorgebracht. Das ‚besondere‘ Schicksal vieler Kinder in den ‚Sonderschulen‘ in Deutschland, insbesondere in einigen Sonderschulen für soziale und emotionale Störungen, drängte mich, nach neuen Antworten zu suchen. Gerade das Leid, das durch sogenannte Lernbehinderungen entstehen kann, trieb mich um.

Oft nahm ich auf ganz persönliche Weise das emotionale Leiden von Kindern mit spezifischen Lernstörungen wahr. Diese erfuhren zum Teil soziale Ausgrenzung, Spott durch Schulkameraden, die Unmöglichkeit in ein Schulsystem zu passen und die damit verbundene Frustration, im schlimmsten Fall sogar gesellschaftliche Ausgrenzung. Ein Ausweg könnte für diese Kinder die Sonderschule bieten, wo sie vor der Erfahrung geschützt werden, aufgrund ihres „Andersseins“ weniger wert zu sein, als ihre Schulkameraden. Andererseits wird gerade durch diesen „Ausweg” vermittelt, weniger zu können, als andere, mit weniger zufrieden sein zu müssen, weniger Möglichkeiten auf eine gute Bildung und Ausbildung zu haben und letztlich auch weniger Chancen auf einen gut bezahlten Job.

Diese Kinder haben oft das Gefühl, dass sie etwas hätten erreichen können, dass sie eigentlich mehr könnten. Das macht sie wütend.

Ich war in meiner eigenen Familie, bei einem meiner beiden Kinder mit Lese-Rechtschreibstörung, Dyskalkulie und Hyperaktivität konfrontiert, beim anderen mit einer Hyperempfindlichkeit gegenüber sozialen Situationen, die sich zur Phobie ausweitete.

Ich habe sie mit allen mir zur Verfügung stehenden Fähigkeiten und Mitteln unterstützt. Sie haben die emotionale Aufnahme ihrer Mitschüler/innen und die Zuneigung ihrer Lehrer/innen immer erhalten. Das wirkliche Verständnis für ihre Lage aber fehlte, leider auch von meiner Seite. Dies ist einer der Dornen in meiner Seele.

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, dass es Möglichkeiten der Förderung gibt, um das Leiden, das durch die Lernstörung verursacht wird, zu minimieren; hätte ich damals schon verstanden, wie groß das seelische Leiden ist, wenn die Lernstörung nicht adäquat von Schule und Familie begleitet wird; wäre ich damals schon in der Lage gewesen, die intellektuellen und menschlichen Ressourcen und besonderen Qualitäten meiner Kinder zu erkennen, statt den Versuch zu unternehmen, sie zu “kognitiv normalen Kindern” zu formen – wie viel Frustration hätte verhindert werden können. Heute weiß ich, wie frustrierend es für Kinder und Jugendliche ist, wenn sie die ganze Zeit nur an ihren Schwachstellen arbeiten müssen. Heute weiß ich, wie negativ es sich auf das Selbstbild auswirkt, wenn Kinder sich ständig helfen lassen müssen, so als wären sie nicht in der Lage, ihren eigenen Weg zu gehen.

Das beträchtliche Ausmaß des Leidens von Kindern mit Lernstörungen, das ich in meiner Arbeit als Lehrerin sowohl in Italien als auch in Deutschland erfahren habe, aber auch das Ausmaß des Leidens, das ich bei meinen eigenen Kindern erlebt habe, öffnete mir die Augen und motivierte mich dazu, neue Wege zu suchen.

Als ich mich mit den pädagogischen und yogischen Lehren von Sri Aurobindo, der Methode, dem Konzept „der natürlichen Entwicklung des Menschen” und den Lernmaterialien von Maria Montessori befasste, gelangte ich immer mehr zur Erkenntnis, hier meine Antworten gefunden zu haben.

Mir wurde klar, dass es kein optimales Schulsystem gibt. Es ist aber möglich, ein gesundes Schulsystem anzustreben. Ein gesundes Schulsystem bedeutet in meinen Augen, ein System, das sich in ständiger Entwicklung befindet, das sich den Herausforderungen, die von der Gesellschaft, den Schülerinnen und Schülern an es gestellt werden, annimmt und anpasst und das ständig nach Antworten auf aufkommende Probleme sucht.

Für mich stellen Herausforderungen keine Bedrohung dar. Ich sehe sie als Chancen, gesund und lebendig zu bleiben. Ein Mensch, der in seiner Transformation erstarrt, ist nicht lebendig. Bildung aber soll dem Tod widerstehen. Sie richtet sich an neue Generationen. Sie ist ein lebendiges Erbe, um zukünftige Fragen zu beantworten und Probleme zu lösen. Sie soll passend zu jeder einzelnen Seele, Nahrung und Zukunft sein.

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