Wo liegt die Kraft der Montessori-Pädagogik?

Informationen, die auf einem Interview mit Frau Chandrika, Schulrätin der Sharanalaya Montessori-Schule ICSE-Schule in Chennai, Indien, basieren.

Die Kraft der Montessori-Pädagogik liegt:

    1. Im kindgerechten Umfeld. Die Möbel sind ausschließlich aus natürlichem Holz gefertigt und beherbergen Lernmaterialien, die sowohl funktionell als auch ästhetisch ansprechend aufbewahrt werden. Die Verteilung der Möbel in den Räumen lässt viel Platz für die Arbeit am Boden mit kleinen Teppichen, die die Kinder aus einer Ecke nehmen und ausbreiten können.

    2. In den Lernmaterialien. Die Montessori-Materialien werden entsprechend den wissenschaftlich beobachteten Bedürfnissen und Entwicklungsphasen des Kindes hergestellt. Sie bestehen aus natürlichen Materialien und haben immer eine ästhetische, logische und funktionelle Form und Verteilung der Gegenstände. Es handelt sich meist um 3D-Materialien, so dass sie sowohl die visuelle als auch die psychomotorische Wahrnehmung des Kindes einbeziehen. Sie lassen dem Spiel und der Improvisation, d.h. der Kreativität, Raum, und sie lassen der Entdeckung einer inneren Ordnung in den Dingen Raum, genau wie es in der Natur ist.

Maria Montessori studierte zunächst Naturwissenschaften, erst später konnte sie Medizin studieren. Die Montessori-Lernmaterialien gliedern sich in Materialien für das tägliche Leben (diese sind besonders für Kinder mit besonderen Bedürfnissen und psychomotorischen Störungen sehr nützlich und werden von ihnen sowohl in der Schule als auch zu Hause verwendet) und Materialien für die Wahrnehmung der fünf Sinne (sie umfassen Inputs und Übungen für alle fünf Sinne, Input für Klang, Tastsinn, Seh-, Geschmacks- und Geruchssinn). Die Koordination der fünf Sinne durch Körperbewegungen oder praktische Aktivitäten ist bei der Verwendung dieser Materialien ebenfalls sehr wichtig.

    3. in der besonderen Rolle des Lehrenden. Der Lehrer/die Lehrerin begleitet die Kinder auf ihrem Lernweg und steht ihnen bei ihrer Entwicklung im Respekt vor ihrer Natur, ihren Veranlagungen und Fähigkeiten dienend zur Seite. Ein Teil des Materials muss von der Lehrperson auf Grundlage des pädagogischen und methodischen Ansatzes von Maria Montessori vorbereitet werden. Diese tiefe persönliche Investition von Zeit und Aufmerksamkeit ist ein Plus für die Qualität der Materialien und die Qualität der persönlichen Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden. Die Verbindung zum selbst erarbeiteten Material erleichtert die Weiterentwicklung der Materialien und schärft den Blick auf das Kind. Die Betonung, die Maria Montessori auf das Dienen und Begleiten des Kindes gelegt hat, kann man als Reaktion auf die zu Lebzeiten im Schulsystem übliche Tendenz zur Indoktrination interpretieren, insbesondere wenn man bedenkt, dass Maria Montessori ihre psychologische und beobachtende Arbeit mit Kindern mit kognitiven und körperlichen Behinderungen begonnen hat. Sie glaubte an die Möglichkeit, dass jedes Kind auf seine Weise unabhängig werden kann.   

4. Im spirituell basierten pädagogischen Ansatz. Die Betonung liegt in der Achtung der inneren Natur des Kindes, die sich im Rahmen des Konzepts der kosmischen Erziehung im bewussten Vertrauen darauf entwickelnt, dass das Kind seine Kraft finden kann, indem es seinen Geist besänftigt und mit seinen Körper in Kontakt kommt. Maria Montessori schuf die Aktivität der Zeit der Stille. Sie kann als eine Art Vor-Meditationsübung beschrieben werden, die Stille und Achtsamkeit für sich selbst und die anderen weckt. Sie wird im Kreis ausgeführt und bewirkt mit wenigen Bewegungen, den Geist langsam zur Stille zu bringen. Es bleibt dem Kind überlassen, was es aus dieser Erfahrung macht. Zusammen mit der polarisierten Aufmerksamkeit (Zustand tiefer Konzentration), in der sich das Kind durch die Arbeit mit dem Lernmaterial wiederfinden kann, ist die Zeit der Stille eine der Säulen auf dem Weg zu seiner inneren Natur.

    5. In der Interaktion zwischen altersgemischten Gruppen. Gefördert wird dadurch eine freie Entwicklung der sozialen Fähigkeiten wie Empathie, Übernahme von Verantwortung für sich selbst, für andere und für die Gruppe, die Selbstbeherrschung im Namen eines respektvollen Umgangs mit anderen, die Akzeptanz der individuellen Unterschiede im Verhalten und in den körperlichen und kognitiven Fähigkeiten, die kooperative Arbeit an einem gemeinsamen Ziel, in dem jeder entsprechend seinen Interessen, Fähigkeiten und Fertigkeiten beiträgt.

6. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Das besondere Verhältnis ermöglicht mithilfe der Materialien, der besonderen kindlichen Umgebung, der Flexibilität des Lehrplans, der nicht vergleichenden Bewertung und der positiv ausgerichteten Fehlerkontrolle, dass die Autonomie und das Selbstwertgefühl des Kindes gestärkt werden.

Frau Chandrika betont, wie wichtig es für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, auch mit spezifischen Lernstörungen, ist, so früh wie möglich mit den Übungen und dem Lernmaterial zu beginnen. Sie gewährleisten eine Verbesserung der Koordination der Sinneswahrnehmung von Geist und Körper.

Interessant am Montessori-Ansatz ist, dass bei der Betrachtung des Lernprozesses, als ein für jedes Kind individueller und spezifischer Prozess, auch die Lernstörungen und die Lernbehinderungen erfasst werden. Jedes Kind hat seine eigenen besonderen und spezifischen Bedürfnisse.