Theater der Unterdrückten

Das Theater der Unterdrückten hat seinen Ursprung in Brasilien und wurde unter der kreativen Leitung von Augusto Boal gegründet. Boal und seine Theatergruppe, die sich auf die Ideen von Bertolt Brecht und Paulo Freire stützten, erkannten die klassische Theaterform als fehlerhaft. Das Publikum war stets passiv und es wurde ihm eine Welt präsentiert, die nichts mit seinen Lebenserfahrungen zu tun hatte. Nach Beendigung der Vorstellung durften die Zuschauenden lediglich applaudieren und gehen. Boal dagegen versteht Theater nicht als eine elitäre Kunstform, die auf ausstaffierten Bühnen stattfindet. Für ihn ist  die ganze Welt ein Theater, in dem wir alle tagtäglich Rollen einnehmen und darin agieren. Anstatt Theaterstücke auf die Bühne zu bringen, die von europäischen Autoren geschrieben und von privilegierten Intellektuellen inszeniert wurden, die Zugang zu europäischen Universitäten hatten, wollten Boal und seine Mitarbeiter*innen Themen aus dem täglichen Leben des Publikums auf die Bühne bringen und das Theatererlebnis für alle Bürger*innen Brasiliens öffnen. Vor allem aber verwandelt sich die Rolle der Zuschauenden. Anstatt  passive Rezipienten zu sein, die das Stück ohne Diskussion (buchstäblich!) im Dunkeln sehen und sich höchstens  in die Protagonisten einfühlen, werden sie zu aktiven Teilnehmenden, die in der Lage sind, das Stück an Ort und Stelle mitzugestalten und zu verändern. Dieses Grundprinzip hat das Theater der Unterdrückten zu einer der meistgenutzten dramaturgischen Methoden der Welt gemacht.

Wenn wir das Theater der Unterdrückten mit Kindern gestalten, wird ihnen ein Raum geboten, in dem sie die Möglichkeit haben, eine Stimme zu finden und aus ihrer eigenen Perspektive zu sprechen. Wir konstruieren den Raum so, dass verschiedene Formen der Kognition unterstützt werden. Durch Spiele und Übungen, die in den Workshops angeboten werden, haben die Kinder die Möglichkeit, die verkörperte, ästhetische und sensorische Kognition zu nutzen, ohne sich ausschließlich oder hauptsächlich auf die verbalen und logischen Aspekte des Denkens konzentrieren zu müssen. Während sie unterschiedliche Perspektiven einnehmen und verschiedene Rollen in Szenen aus dem täglichen Leben spielen, entwickeln sie Empathie und emotionale Intelligenz. Dabei benennen sie Probleme  und Ungerechtigkeiten, erkennen verschiedene Formen der Unterdrückungen und suchen nach einem Weg, diese Zustände als Einzelne oder als Gruppe zu korrigieren. Durch die Befreiung aus Alltagszwängen, die Einsicht in das eigene Handeln und die Infragestellung von gesellschaftlichen Spielregeln können die Kinder bürgerliche Kompetenzen entwickeln und werden zu Selbstverantwortung und aktiver Teilnahme an der Gesellschaft befähigt.

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Photo credits: Matteo De Luca, Sameena Corrado e Corrado Altran, Tatjana Schmidt